Gradwohl Peter. Genuss mit Biss: Gradwohl's Vollwertbackbuch durch's ganze Jahr. 2000 Eugen Ketterl Ges.m.b.H. Wien, ISBN 3-85134-017-5

Als ich das Buch das erste Mal in die Hand nahm und aufschlug, dachte ich: Boh, das ist ja wohl ein Knüller. So schön gemacht, mit soviel Liebe und Sorgfalt. Auf fast jeder zweiten Seite ein ganzseitiges wohlgestyltes Foto, die oberen Außenecken nach Kapitel mit "Eckfotos" markiert, überhaupt schön aufgebaut, dabei immer noch so ein bisschen ein Hauch von "Selbstgemacht". Was nicht für die Fotos gilt, die sind typisch kochbuchmäßig-perfekt (meine Küchenprodukte sehen anders aus).
Die Rezepte sind gut strukturiert, die Beschreibungen leicht verständlich. Die Rezepte sind auch meist in sich abgeschlossen, nur für wenige Grundzutaten (wie z.B. Sauerteig) wird auf andere Rezepte verwiesen. Die meisten Rezepte beanspruchen nur eine Seite, sodass lästiges Blättern mit mehligen Fingern vermieden wird.
Doch die Lektüre der Einleitung verdarb mir gründlich den Geschmack an dem Buch. Gradwohl beansprucht offensichtlich für sich, dass er ein Vollwertgott ist, der bestimmt, was vollwertig ist und was nicht. Und so gibt er dann unter anderem munter Regeln vor, wie die prozentuale Zusammensetzung einer gesunden Vollwertkost aussieht. Auf eine Quellenangabe verzichtet er dabei. Fleisch, Fisch und Meeresfrüchte werden in der Vollwertkost (siehe z.B. Dr. Max O. Bruker) vielleicht geduldet, aber nicht wie hier als notwendiger Bestandteil erklärt. Wo z.B. nimmt der Autor her, dass zur idealen Zusammensetzung einer Vollwertkost 10-15 % Fische, Meerestiere, Fleisch, Bienenerzeugnisse und Pflanzenfette zählen? Auch das umstrittene Soja kommt in dieser Liste vor. Und so geht das fort in dem theoretischen Teil - er diktiert Dinge vor, ohne eine Quelle zu nennen.
Da war ich noch "nur leicht verärgert".
Beim Studium der Rezepte wurde mir klar, dass Peter Gradwohl wirklich die Vollwertigkeit nach eigenem Gutdünken definiert. Wie sonst lassen sich Zutaten wie Gelatine (Produkt aus Tierabfällen), kandierte Früchte (= Zucker), Kompottweichseln (da denkt doch jeder an gezuckerte Pflaumen aus dem Glas), Aprikosenmarmelade (= Zucker) und kandierte Kirschen (die mit naturbelassenen Lebensmitteln noch so viel gemeinsam haben wie eine Rikscha mit einem vollklimatisierten Reisebus) erklären?
Und dann auch noch Diätschokolade! Da war's mir klar. Er hat es einfach nicht begriffen, was Vollwertigkeit heißt. Diätschokolade hat mit lebendiger Ernährung nichts mehr zu tun. Nur weil kein Kristallzucker enthalten ist, ist sie doch noch nicht vollwertig - auch Fruchtzucker und erst recht die in Diätschokolade verarbeiteten Zuckeraustauschstoffe sind reinste raffinierte (= stark verarbeitete) Industrieprodukte. Der Autor selbst betont in seinem Vorwort, wie wichtig es ist, dass Nahrungsmittel naturbelassen sind. Demnach wächst Diätschokolade auf den Bäumen?
Es gibt genug schöne Vollwertbackbücher. Nicht alle sind ganz strikt vollwertig im Sinne von Dr. Bruker - aber solche Ausfälle wie die hier aufgeführten habe ich unter der Überschrift "Vollwertig" bisher nicht gefunden.
Wenn diese Vollwertigkeit nicht so großmundig beansprucht würde, hätte ich durchaus ein Lob vergeben, obwohl ich es auch komplett überteuert finde. So aber ist mir schon das bisschen Positive vor lauter zuckerkandierten Früchten fast im Halse stecken geblieben.