
Nicht jeder Koch ist ein guter Schriftsteller. Nicht jeder Koch ist ein guter Layouter oder witzig oder ein guter Lehrer. Deshalb vermutlich werden Köche Koch, und ergreifen keinen anderen Beruf. Es gibt Ausnahmen. Mirko Reeh gehört nicht dazu.
Ich bin ja immer begeistert von Eigeninitiative. Dennoch musste ich schlucken, als ich das Büchlein aufschlug - selten habe ich so eine langweilige Rezeptesammlung in der Hand gehabt. Schon meine kleine Großnichte malt wenigstens hübsche Bildchen an den Rand, wenn sie sich Rezepte notiert. Dieses Buch sieht nicht anders aus als ein sauberes Schreibmaschinen-Manuskript.
Die Optik ist übersichtlich, aber das ist auch alles. Keine liebevoll durchdachten Details. Der obere Seitenrand ist ungleichmäßig. Dass es in Textverarbeitungen auch eine Silbentrennungsfunktion gibt, scheint dem Koch entgangen zu sein, und so klaffen dann hässliche Löcher im Blocksatz. Dafür gibt es aber auch Seiten, die flattern (d.h. der Text ist linksbündig). Die Schrift Arial ist nun auch nicht sonderlich phantasievoll.
Sprachlich kann der Autor sich auch nicht entscheiden - schreibt er aktiv wie "die Teigplatte ausrollen", imperativ wie "rollen Sie die Teigplatte aus" oder passivisch wie "die Teigplatte wird ausgerollt". Er wechselt diese drei Stile auch schon mal gerne innerhalb eines Rezeptes. Kein guter Stil!
Drei Dinge haben mir wirklich die Nackenhaare gekräuselt:
(1) Die erste Innenseite enthält zwei Absätze zum Verbot des Kopierens usw. Meine Güte, was soll das denn bewirken? Es ist ja nicht so, als wenn hier Geheimnisse verbreitet würden. Darf ich denn die Rezepte noch tagsüber verwenden, oder nur in der Nacht hinter dicht geschlossenen Fensterläden?
(2) Auf derselben Seite steht "Korrigiert nach den derzeit gültigen Regeln der deutschen Rechtschreibung. Noch vorhandene Fehler dienen der Unterhaltung von Menschen, die nach Fehlern suchen." Seine eigene vermutete Unfähigkeit in derlei Arroganz umzumünden, finde ich für einen Autor nicht schicklich. Ich wäre dankbar, wenn mir jemand meine Fehler zeigt - damit ich sie beim nächsten Mal ausmerzen kann.
(3) Irgendwo am Ende steht, das Buch enthalte absichtlich keine Bilder, damit die Phantasie angeregt wird. Ach wie clever ist unser Autor, dass er sein Unvermögen so umdreht, dass es ein Vorteil wird. Für so clever hält er sich zumindest. Warum schreibt der Autor nicht die Wahrheit, dass er keine Fotos hat, keine machen kann, nicht weiß, wie er sie in sein Werk einbindet? Ich bin gar nicht unbedingt eine Verfechterin von reichbebilderten Kochbüchern, aber das Argument ist einfach albern. Viele Hobbyköche schätzen Fotos, weil sie dann besser ihr Koch-Werk beurteilen können, nicht weil ihnen die Fantasie fehlt. Ich würde Reeh ja noch glauben, wenn irgend etwas an dem Büchlein mit Liebe gestaltet wäre. Aber es schaut aus wie ein Sicherheitsdatenblatt einer kleinen Stahlfabrik.
Ach ja, die Rezepte. Die Beschreibungen sind klar, die Rezepte in Kombination der Zutaten oder der Herstellung jedoch wenig aufregend. Durchsehen, in den Schrank stellen, vergessen - dieses Schicksal wird dem Werk bei mir zuteil werden.